Bitte sehr, für die "Nicht Facebooker":
Sehr geehrter Herr Öllinger!
Als ich heute morgen wie üblich die Nachrichten durchstöberte, fiel mir sofort ein Bericht über das angeblich kontroverse "Northern Lights Festival" in Oberösterreich auf.
Nun muss ich sagen dass ich weder ein speziell ausgewiesener Fan von Black-Metal bin, noch vorhabe folgendes Fest zu besuchen.
Eines möchte ich (und ich bin immerhin selbst schon lange als Musiker in der Metal-Szene tätig) schon anmerken:
Beim ersten überfliegen der dort spielenden Acts kann ich keine offensichtliche "rechtsradikale" Einstellung erkennen. Ich weiß nicht wo die normalerweise von den Grünen immer verteidigte "Freiheit der Kunst" endet, aber es muss Ihnen schon klar sein dass Black-Metal eine eher derbe satanische und dadurch fast immer sehr provokante Seite des Heavy Rock repräsentiert.
Das dabei ab und zu auch Statements vielleicht politisch unkorrekt sind mag schon stimmen, doch es liegt auch am Publikum dies zu bewerten. Die mir bekannten (und das sind einige) Fans dieser Musik sind hingegen meist sehr weltoffene Menschen die garantiert nicht an der Wiederherstellung bestimmter politischer Systeme interessiert sind.
Als aktiver Musiker hatte ich selbst oft mit diversen ungerechtfertigten Vorurteilen zu kämpfen, und mehrmals wurde ich selbst Zeuge dass Musiker von bestimmten Konzerten ausgeschlossen wurden, weil irgendjemand in der Bevölkerung nicht damit einverstanden war und etwas ins Rollen brachte (Ich erinnere mich das Verbot der Band "Facebreaker" in Marchtrenk, die außer schneller Musik und einem zugegebenermaßen brutalen Namen aber nichts gefährliches an sich hatte).
Des weiteren möchte ich Sie darauf hinweisen dass der sich in die Bevölkerung einschleichende Nationalismus eher den vielen Discos mit ihren aus Kanistern saufenden und scheinbar "normalen" Jugendlichen zu finden ist, jemand der sich auf so ein Festival begibt, muss zumindest schon mehrmals in seinem Leben über den Tellerrand geblickt haben.
> lieber herr wintersberger,
>
> danke für ihre mail! ich hätte das bis vor wenigen tagen sehr ähnlich
> gesehen wie sie. das problem ist für mich nicht black metal per se, auch
> nicht die fans, sondern einige wenige gruppen und einige fans.
> im fall reichenthal sind es leider die veranstalter, die jede möglichkeit
> genutzt haben, um noch ein schäuferl draufzulegen.
> das ist mir unverständlich, denn ich würde auch bei den veranstaltern
> nicht annehmen, dass sie mit neonazis sympathisieren.
> aber wenn man sich die homepage von northern lights durchackert, stellt
> man fest, dass offensichtlich auch die veranstalter mit den braunen postern
> mitheulen. ich schick ihnen den link zu unserer website
>
http://www.stopptdierechten.at/2011/06/ ... etalltone/
>
> schon vorher haben wir beiträge zu einzelnen bands bei NL mit
> brauntönen publiziert.
> das sinnvollste wäre gewesen, die veranstalter hätten sofort den dialog
> mit den kritikern gesucht, sich mit ihrer kritik an einzelnen bands
> auseinandergesetzt. so aber: kein argument durch die veranstalter und selbst
> versuche von besuchern oder sympathisanten des festivals werden niedergemacht.
>
> und dazwischen auf der homepage die braunen jungs von "feuernacht" oder
> "odins gefolge" usw....
> ich persönlich find's schade, dass die veranstalter so gar nicht auf
> kritik eingegangen sind und sich selbst die chance genommen haben, braune
> töne auszuschliessen!
> ich denke, wenn sie unsere langen beiträge zu reichenthal durchlesen,
> werden sie sehen, dass da gute recherche dahintersteht. würde mich
> interessieren, wie sie das festival bzw. diese gruppen danach beurteilen!
>
> was ihre bemerkung zu discos und dem dort bzw. rundum stattfindenden
> nationalismus betrifft, so muss ich ihnen rechtgeben.
>
> danke jedenfalls für ihre kritischen bemerkungen!
>
> karl öllinger
sehr geehrter herr öllinger!
ich bedanke mich für ihre prompte antwort, muss ihnen trotzdem noch ein weiteres statement meinerseits unterbreiten.
erstmal möchte ich klar stellen, das rechtes gedankengut für mich ein absolutes no-go ist und ich seit der formung meiner existenz für eine tolerante welt ohne scheuklappen kämpfe.
ich verstehe auch wirklich ihre bedenken, und auch ihre recherchen lassen teilweise annehmen das hier der eine oder andere wohl ein ewiggestriger sein muss.
aber solche geschichten kennen wir doch schon gut genug, ich erinnere nur an die über die jahre weltberühmt gewordenen SLAYER, deren anfangsbuchstabe in ihrem logodesign auch von der SS geklaut wurde, und deren berühmtester song "angel of death" mit dem satz "auschwitz - the meaning of pain, the way that i want you to die" begann. die band wurde damals als das werk des teufels abgetan und sollte überall wo nur möglich verboten werden.
niemand machte sich aber die mühe den text zu ende zu lesen und sich gedanken darüber zu machen, obwohl sich die band über jahre hinweg von national(sozial)istischem gedankengut distanziert hat (und der song in wahrheit als hasstirade an dr. mengele gedacht ist dem der tot in seiner eigenen vernichtungsmaschinerie gewünscht wird).
und ich will hier wirklich nichts verharmlosen, aber mein problem an der geschichte ist folgendes:
ich habe das gefühl das im zuge des scheinbar aufstrebenden nationalismus leider auch die seite "stoppt die rechten" - so wie alle antifaschistischen organisation schön langsam beginnen populistisch zu agieren und informationen zu ihren zwecken zurechtzurücken. das linzer label "ccp-records" zb. wird hier in die nähe rechtsradikalen gedankenguts gebracht, obwohl auf ihrer startseite ein banner mit der aufschrift "metal gegen rechte gewalt (siehe screenshot)" angebracht ist.
ich habe am vormittag mit mehreren mir bekannten szenevertretern gesprochen die alle zugestehen dass es öfter probleme mit neonazis gibt, auch deshalb weil sich die szene leider zu wenig davon distanziert. nichtsdestotrotz hatten einige von ihnen vor das festival zu besuchen (und sie wären nicht meine freunde würden sie nicht eine "linke" grundeinstellung mit sich bringen).
das größte problem hierbei ist meiner meinung nach nämlich, dass hierbei auch normale menschen sich mit in den schmutz gezogen fühlen, und das schadet im endeffekt auch der antifaschistoiden bewegung. während es bei einer seite wie donau-alpen-info ja klar ist welche ziele sie verfolgt, kann genau dies bei einem derartigen festival hingegen nicht klar definiert werden.
zu guter letzt fällt mir nur noch folgender (leicht sarkastischer) vergleich ein:
was würden sie sagen, würde jemand verlangen den nationalrat zu verbieten weil er mit jeder wahl mehr zum tummelplatz von nationalisten wird?
liebe grüße
lieber herr wintersberger,
wenn der effekt unserer und der öffentlichen debatte der wäre, dass es in der szene mehr sensibilität gibt, dann wäre das schon ein gewaltiger erfolg!
was mir bei den NL-leuten aufgefallen ist: sie haben die kritik bzw. vorschläge, sich von rechtsextremismus zu distanzieren und nazis rauszuhauen, richig niedergeschnauzt. für mich war das gute zeichen dabei, einige poster passen auf, die veranstalter offensichtlich nicht. ganz im gegenteil!
insofern ist der ausschluss von 3 gruppen durch die behörden vermutlich gar keine so schlechte entscheidung. ein warnschuss für die veranstalter: besser aufpassen! so wie sich die aber verhalten haben, fürchte ich, dass sie wenig lernfähig sind.
was das publikum, aber auch das genre black metal selbst betrifft, geb ich ihnen recht - da muss man sehr genau aufpassen und differenzieren. ich denke, wir haben das versucht, aber ich kann nicht garantieren, dass das alle so machen.
slayer und kiss: an die slayer-geschichte haben sie mich dankenswerterweise wieder erinnert! ich halte beide trotzdem für eine andere sache: da gehts um provokation bzw. missverständnisse und eine manchmal aufgeregte debatte dazu.
im black metal gehts natürlich auch um provokation, das ausloten von grenzen, um tabus. gar nicht einfach, damit richtig umzugehen!
bei einigen gruppen wie kroda gehts aber um was anderes:wenig, aber doch eindeutiges immusikalischen bereich, einschlägiges im drumherum (interviews usw.)
bei slayer und kiss gab's das nicht. es wäre doch niemandem von denen eingefallen, primitiv antisemitische sprüche abzusondern. das wäre ziemlich sicher auch in den usa das ende jeder musik-karriere (nicht nur im rockbusiness)
hmm, und dann noch eine anmerkung zum parlamentsvergleich: nicht schlecht, aber nicht ganz zutreffend!
a) im parlament passen die auf
b) sie sind -halleluja - (noch) keine mehrheit
c) sie stellen nicht die veranstalter (regierung,präsidentIn),sondern nur einen stellvertreter mit dem graf und das war eh aufregend genug.
das wirkliche problem wäre dann vermutlich, dass so typen wie sie und ich dann verboten wären!
war jedenfalls interessant, mit ihnen zu diskutieren -danke!
liebe grüsse!
karl öllinger