Was mal für Didi so zum denken:
http://www.zeit.de/2007/28/Gl-ck?page=all
Was braucht der Mensch?
Von Elisabeth von Thadden
Wir alle streben nach dem persönlichen Glück. Aber können wir glücklich sein, wenn wir auf Kosten der Armen leben? Es ist Zeit für eine praktizierte »Fernstenliebe«
Eine Handvoll Dollar, Vertrauen, etwas Geduld. Das brauche ein Mensch, sagt Mohammed Yunus, Friedensnobelpreisträger, Ökonom und Banker. Mit dieser Grundausstattung hat er in Bangladesch Millionen Menschen aus der Armut geholt. Er bot ihnen Kleinstkredite an, mit deren Hilfe sie sich eine selbstständige Existenz schaffen konnten. Ein paar Hundert Euro für Nahrung, Kleidung, Telefon, Fernseher, Internet, Wohnung, Verkehrsmittel. Das brauche man, sagt der deutsche Sozialstaat, der den Mindeststandard für seine Bürger definiert und Millionen mit dem Nötigsten versorgt – plus öffentliche Güter, plus alle Bürgerrechte, die der Staat garantiert. Und von Brecht gibt es ein Gedicht, Der Zettel des Brauchens, das sagt: »Viele kenne ich, die laufen herum mit einem Zettel / Auf dem steht, was sie brauchen. / Der den Zettel zu sehen bekommt, sagt: das ist viel. / Aber der ihn geschrieben hat, sagt: das ist das wenigste. / Mancher aber zeigt stolz seinen Zettel / Auf dem steht wenig.« Was ein Mensch braucht, hängt von vielerlei ab, vor allem von der Kultur, in der er lebt. Ein Gedicht braucht mancher offenbar auch.
Von einem Skandal ist hier die Rede: Bedürfnisse sind kulturabhängig, eine Milliarde Menschen aber hat, ungeachtet aller Kulturabhängigkeit, selbst das Notwendigste nicht, kaum zu essen, zu trinken, kaum medizinische Hilfe und Schutz. Die Konsumentenklasse, die im Namen der Selbstbestimmung wissentlich auf Kosten der Selbstbestimmung ungezählter anderer lebt, ist reich ohne Maß. Sie braucht viel, und die Erde wird wärmer.
Der Skandal, der immer wieder kurz ins Bewusstsein schwappt, ruft Schulterzucken hervor, kaum mehr. Das Bevölkerungswachstum entmutigt. Die Weltwirtschaftsordnung ist als Gegner routinemäßig beliebt, nur gibt es auch die guten Kapitalisten, die ihr Geld mit Energieeffizienz machen. Selbst den Stromanbieter zu wechseln, sich über die Energieeffizienz des eigenen Computers kundig zu machen, an Brot für die Welt spenden: lästig, Kleinkram. Ein Fest mit Freunden in den Voralpen tröstet bequemer, sonst hilft etwas Wellness, die Grillparty mit ein paar Kilo Fleisch, der Wochenendtrip mit dem alten Renault in eine beruhigende Landschaft. Um sich etwas Gutes zu tun, mit erheblichem Ausstoß von Kohlendioxid. Und dann kommt die Unruhe wieder zurück.
Was braucht der Mensch? Ob in der Diskussion um Klimawandel und Armut, in der um die Reichweite der Menschenrechte, in der um den Mindestlohn, ums Grundeinkommen oder um Lebensqualität, in der Debatte, was ein Kind braucht und was zu einem Leben in Würde gehört, immer schwebt der Geist des Grundbedürfnisses über den Häuptern. Nur ist er angesichts von bald neun Milliarden Erdbewohnern mit ihren Milliarden verschiedenen Zetteln des Brauchens diffus. Nicht vom Brot allein lebe der Mensch, entgegnete dem Teufel in der Wüste Jesus von Nazareth, Brecht hingegen hielt die Reihenfolge fest, dass erst mal das Fressen komme. Das sind grobe Richtungsangaben, mehr leider nicht.
Grundbedürfnis: Das klingt verführerisch einfach. Einfacher als elementar kann ja nichts sein. Grimms Wörterbuch von 1854 kennt noch die dringende Notwendigkeit, die dem »Bedürfen« eigen ist, nennt deshalb die Notdurft als Beispiel, und diese Dringlichkeit hat als Bedeutung des Worts überlebt. Aber die Frage, was ein Mensch braucht, ist kaum gestellt, da zieht sie, unvermeidlich, Nachfragen hinter sich her: Was man braucht, um zu überleben? Nahrung, Wasser, etwas Kleidung, Medizin, ein Dach über dem Kopf, Schlaf. Oder um nicht zu zerbrechen? Je nachdem, vielleicht etwas Anerkennung, Liebe, Freiheit, Arbeit und Sicherheit, auch Kunst und Religion können helfen. Oder um glücklich zu sein? Schwierig. Um mit anderen Menschen halbwegs über die Runden zu kommen? Einen funktionierenden Staat, Familienplanung, sonst sehr variabel. Materielle Grundgüter, soziale Rechte, moralische Ansprüche und Anerkennung gehören je verschieden zum Elementaren, was Menschen brauchen, und lassen sich gegeneinander kaum aufrechnen.
Welcher Mensch überhaupt ist gemeint, an welchem Flecke der Welt, in welcher Epoche? Grundbedürfnisse sind nicht nur regional, sondern historisch relativ, sie hängen auch vom Menschenbild ab und vermischen sich mit Interessen oder mit Ideen vom Glück. Es ist keine hundert Jahre her, da war man in Deutschland mehrheitlich sicher, dass Kinder unbedingt Prügel brauchen, um passabel geraten zu können. Aber warum überhaupt Glück? Hat Sigmund Freud nicht ein für alle Mal festgehalten, dass mehr nicht zu machen sei, als unerträgliches Leiden in normales menschliches Unglück zu verwandeln?
Seit eine Studie der London School of Economics erwiesen hat, dass die Allerärmsten, die Menschen in Bangladesch nämlich, zu den Glücklichsten der Welt gehören, wird die Frage nach den Grundbedürfnissen zudem vom berechtigten Misstrauen umschlichen, dass es »ein wichtiger Bestandteil des Glücksrezepts« sein könnte, »seine Erwartungen auf ein elendes Minimum zu reduzieren«, wie die Philosophin Susan Neiman es sagt. Das wäre dann eine Steilvorlage für jene wohlhabenden Liebhaber des Verzichts, die andeuten, wie gut selbst deutsche Hartz-IV-Empfänger dran seien, wenn man nur deren Lebensstandard mit dem der Ärmsten vergliche. Prompt folgt also in Wohlstandsgesellschaften das berechtigte Argument, dass auch Luxusbedürfnisse, wenn sie erst mal normal wurden, legitim sind und gestillt werden sollten: ein Auto zu haben, vom Besitz des Kühlschranks, des Wasserklos, des Fernsehers, der Waschmaschine zu schweigen, ohne die unsere Vorfahren bis vor Kurzem noch auskommen mussten und die meisten Weltbewohner bis auf Weiteres auskommen werden müssen.
Jeder, das weiß die Ethnologie, macht sich die Bedürfnisse zu eigen, die seine Kultur prägen, und diese will er befriedigt sehen. Darüber hinaus aber lässt die kapitalistische Wirtschaftskultur Waren zirkulieren, die Bedürfnisse wecken und vervielfältigen, sodass der Internetanschluss inzwischen auch in indischen Dörfern zum Grundbedürfnis avanciert. Und umgekehrt zirkulieren Heilmittel für andere Bedürfnisse längst auch gen Westen, wo die Nachfrage nach Seelenberuhigung fernöstlicher Herkunft ebenso wächst wie das Bedürfnis nach dem, was man sich unter lateinamerikanischer Lebensfreude so vorstellt. Nur Afrika hat für die Grundbedürfnisse am Weltmarkt bisher als Exportland wenig zu bieten.
Was braucht der Mensch? Man kann die Forschung befragen, es sind in der Angelegenheit ja fast alle Disziplinen am Start, von der Anthropologie und der Volkswirtschaft über die Theologie, die Medizin, die Sozialwissenschaften bis zur Rechtswissenschaft und der Psychologie. Aber nicht umsonst sagt der Nobelpreisträger der Ökonomie, Daniel Kahnemann, dass übers Wohlbefinden umfassend nur Auskunft geben kann, wer die Philosophie fragt und ihre Theorien zum gelingenden Leben.
Was sagt also die Philosophie? Zuerst klassisch: »Glückseligkeit«, definiert Immanuel Kant in seiner Kritik der praktischen Vernunft, »ist der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es, im Ganzen seiner Existenz, alles nach Wunsch und Willen geht.« Das klingt heute nach einem zerrüttenden Arbeitsauftrag, im reichen Westen zumindest. Auf unsere Gegenwart antworten hingegen die Gedanken des Philosophen Martin Seel, dass »zu einem erträglichen menschlichen Zustand neben der Erfüllung auch das Verlangen nach Erfüllung gehört«, also der Versuch, Wünsche und Leidenschaften lebendig zu halten und so auch ungeahnten Wünschen begegnen zu können. Denn es genüge uns ja nicht, befriedigt zu sein.
Martin Seel erweitert die Standardantwort der Philosophie, gut zu leben heiße, ein autonomer Mensch zu sein, deshalb um ein entscheidendes Bisschen: »Was immer im Guten und Schlechten auch geschehen mag, gut zu leben bedeutet, neugierig zu bleiben auf das, was kommen mag, selbst wenn es einmal zum Ende kommt.« Aber weil die Neugier erst bedenkenswert wird, wenn ein Mensch das Notwendigste hat, was er braucht, stellt sich die Frage nach den Grundbedürfnissen weiterhin.
Anhaltspunkte dafür, was das Notwendige sei, gibt es durchaus: Fast sechzig Jahre ist es her, dass im Jahr 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 25, eine bindende Festlegung getroffen hat, was – neben den universellen politischen Freiheits- und Gleichheitsrechten – auf dem Zettel des Brauchens eines jeden Erdbürgers stehen soll: »Jeder Mensch hat Anspruch auf eine Lebenshaltung, die seine und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge gewährleistet…« Seit den neunziger Jahren bemühen sich die UN, diesen Katalog um ein Menschenrecht auf Wasser zu erweitern.
Hier sind zum einen Grundbedürfnisse genannt, zum anderen aber sind sie mit Rechten verknüpft, und erst das macht die Lage auf neue Weise herausfordernd. Denn Rechte der menschlichen Gattung lassen sich dauerhaft nicht übergehen. Im Herbst 2000 verabschiedeten deshalb 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen die Millenniumsziele, in denen zu lesen steht, dass extreme Armut und Hunger bis 2015 halbiert werden, dass Seuchen, Kinder- und Müttersterblichkeit weitgehend verschwinden sollen, dass dem Verlust von Umweltressourcen Einhalt geboten werden muss und dass jedes Kind in die Schule gehört. Dies alles also wäre elementar, und politisch bindend ist die Befriedigung dieser Bedürfnisse auch – eigentlich.
Nun hat allerspätestens das Gerangel um den G8-Gipfel nicht nur deutlich gemacht, dass der Klimawandel diesen Grundbedürfnissen den Boden wegzieht, sondern auch über die Ursachen dieses Wandels herrscht Einvernehmen: Allerhand Bedürfnisse der westlichen Welt können seit etwa 200 Jahren, mit Hochbeschleunigung seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, nur um den Preis befriedigt werden, dass man die elementaren Grundbedürfnisse der Ärmsten und der kommenden Generationen weltweit mit Füßen tritt. Zynisch gesagt: Zumindest leben, essen, trinken und atmen wollen die auch, Glück hin oder her. Dafür sorgen müssten die Heutigen, auch da ist man sich einig, und zwar erstens in der berechtigten Annahme, dass die Lebensweisen des Westens weltweit Nachahmung finden, und zweitens nach dem Verursacherprinzip. Interessanterweise ist ja eine Haltung nicht mehr salonfähig: zu sagen, dass der westliche Lebensstil unumgänglich sei.
Also sagt etwa die Inderin Sunita Narain, Chefin der Umweltorganisation Centre for Science and Environment in Delhi, dass der »reiche Teil der Welt hohe Schulden bei der Natur hat, indem er seinen Anteil an den Gütern der Welt überzeichnet hat«, weswegen die Rückzahlung der Schulden an die anderen nun dringend fällig sei. Das passt sowohl zum schlechten Mehrheitsgewissen in der Konsumentenklasse der westlichen Welt wie auch zu einem neuen Realismus der meisten: Denn ohnehin beschleicht viele längst die Gewissheit, dass jedes gestillte materielle Bedürfnis nur das nächste zu stillende nach sich zieht, und zwar auch als Ersatz für etwas, das wirklich fehlt. Die Zufriedenheit wächst dabei nicht, eher wächst ein Gefühl der Schwäche. Weswegen es naheläge, sich das neuartige Grundbedürfnis nach unbefriedigendem Neuem wieder abzugewöhnen.
Der Mensch habe kein Maß dafür, wann ein Bedürfnis gesättigt ist, schreibt jedenfalls in seinem Buch Was braucht der Mensch? der alte Sozialdemokrat Erhard Eppler. Und der konservative Philosoph Robert Spaemann erinnert daran, dass weder Goethe noch Nikolaus von Kues eine Nasszelle brauchten und man bei ihnen dennoch in guter Gesellschaft ist. Kurzum: Jede Zeit, jede Kultur, jeder Staat, jeder Mensch, ob in Alaska oder im Kongobecken, beantwortet die Frage verschieden, was ein Mensch unbedingt braucht, zweifellos – und zugleich liegt auf der Hand, dass die Bewohner der westlichen Sphäre gegenwärtig mehr brauchen, als sie brauchen, im weltweiten Maßstab zu viel.
Dieses Dilemma muss handlungsanleitend werden. Je mehr man darüber weiß, was den anderen Weltbürgern fehlt, desto schärfer kann die Wahrnehmung werden für das, was man hat. Viele sehen erst jetzt, dass die Freiheit der Selbstbestimmung, die im Westen längst zu den Grundbedürfnissen zählt, sich nicht in der Entscheidung für den dritten Urlaub des Jahres oder für den Zweitwagen, die Drittfrau ausdrücken muss. Viele sehen erst jetzt, dass ihr Bedürfnis nach Solidarität gar nicht heißen muss, sich nur an die Seite der Schwachen im eigenen Lande zu stellen, sondern auch in der effizienten Heizpumpe im Mietshaus zum Ausdruck kommen kann. Vielleicht trägt die Information, dass jedes Kilo Kaffeepulver für seine Herstellung in Entwicklungsländern 20000 Liter Wasser verschluckt, dazu bei, dass man den eigenen Kaffeekonsum überdenkt.
Weil Menschen ihr Verhalten wesentlich über Nachahmung steuern, hängt viel davon ab, wie sich die stilbildenden Eliten des Westens heute verhalten. Wenn sie deutlich machten, dass zu den europäischen Grundbedürfnissen die Garantie von Grundrechten, ein funktionierender Staat, die Liebe zur Kunst, die Geselligkeit, die Vertragssicherheit, der Hunger nach Geschichte und Zukunft, die Gerechtigkeit, die Heimatlichkeit einer Landschaft gehören, und demgegenüber das elfte Kleid, der Wäschetrockner, der Kurztrip nach New York nicht von Belang sind, wäre schon viel getan.
Das hieße zuerst, öffentlich erkennbar zu machen, wie satt man eine hypernervöse Unersättlichkeit hat, die nicht froh macht. Das hieße aber auch, und zwar für demokratische Mehrheiten, sich umzugewöhnen, nicht rückwärts, hin zu den Bedürfnissen der europäischen Vorfahren, sondern nach vorn, zu Grundbedürfnissen, die so noch nicht da waren, wie ja auch das Bedürfnis nach Selbstbestimmung irgendwann ziemlich neu in die Welt kam. Das würde zu Europa kulturell und politisch jedenfalls passen, wo das Neue spätestens seit der Moderne stets als das Bessere galt. Das Neue, das wäre jetzt hierzulande: eine energieeffiziente Kultur zu erfinden mitsamt allerhand exportfähigen Produkten, die so reizvoll wäre, dass man tradierte Privilegien dafür hinter sich ließe.
Wie immer wären die Angst, die Lust, die Interessen von vielen und die Macht ihrer Stellvertreter als Taktgeber der Umgewöhnung gemeinsam von der Partie. Die Angst: selbst Schaden zu nehmen in einer Welt der Verteilungskriege, aber auch diejenige, künftig auf kränkende Weise gestrig zu wirken. Die Lust: selbst neugierig zu sein, aber auch diejenige, im Wettbewerb vorne zu sein. Die Interessen: an der Umgewöhnung gut zu verdienen, aber auch diejenigen, Europas Qualitätsstandards zu erhalten. Die Macht: von Staats wegen mit Gesetzen und Anreizen denjenigen zahlen zu lassen, der zum eigenen Vorteil nur will, dass alles so bleibt, wie es ist. Es tangiert ja niemandes Grundbedürfnisse oder -rechte, ein Tempolimit auf Autobahnen zu verordnen oder dem Flugbenzin Marktpreise zu geben.
Die meinungsbildenden Gruppen wären die Ersten am Start, mit dem erneuerten Grundbedürfnis, jene Ruhe der Seele zu finden, die nicht zu haben ist, solange die einen das Elend der anderen auf dem Gewissen haben. Wenn auf dem Zettel des Brauchens dieser prägenden Gruppen gar stände: »Zuständigkeit für die Fernsten«, dann wäre die Renaissance des Christentums umso einleuchtender, dann hätte die traditionelle Solidarität der Arbeiterbewegung neuartige Folgen, dann hätte auch Kant sich den Kopf nicht umsonst zerbrochen. Wenn er recht hatte damit, dass die Erde, auf der wir uns austoben, allen genau zu gleichen Teilen gehört, dann wäre es klug, in jeder Kultur etwas anders, das Handeln von Mohammed Yunus mit den Künsten moderner Staaten zu kombinieren: Ein bisschen Eigentum zu gewähren, plus Rechte und Schutz. Genug, um etwas Freiheit zu gewinnen. Auch die Freiheit, selbst für das zu sorgen, was man am dringendsten braucht.